Ostsee-Zeitung 20.07.2007

OZ 07-2007Zum „Essen im Dunkeln“ lädt eine Kneipe in der Innenstadt ein. Sehende sollen eine Vorstellung von der Welt der Blinden bekommen.
Stadtmitte  Ich bin zum „Dinner in the Dark“ gebeten. In der Kneipe „Plan b“ sollen Sehende in völliger Dunkelheit ein Menü serviert bekommen. Zugegeben - ich bin skeptisch. Im völlig Finstern mit Messer und Gabel zu hantieren - das gehört nicht zu den Dingen, die ich mir freiwillig ausgesucht hätte. Aber neugierig bin ich dennoch.
In der Kneipe herrscht eine entspannte Atmosphäre. Auch für das Personal ist das „Essen im Dunkeln“ Neuland. Steffen, Bernd und Bianka verstärken das Team - sie sind blind und sollen in dem stockfinsteren Raum servieren. Damit ist das erste Geheimnis gelüftet, ich hatte breits gegrübelt, wie Kellnerinnen wohl im Dunkeln die Bestellung aufnehmen. Steffen, Bernd und Bianka merken sich, was die Gäste wünschen. Jeder von ihnen bedient an drei Tischen und mich nimmt jetzt Bernd in Empfang. „Legen sie mir die Hand auf die Schulter, ich führe sie an ihren Platz“. Verkehrte Welt. Der Blinde führt die Sehende. Aber nur für Sekunden. Als wir die Schleuse zu dem Raum passiert haben, in dem das „Essen im Dunkeln“ serviert wird, ist es vorbei mit dem Sehen. „Vorsicht, eine Stufe nach unten“, warnt mich Bernd. Dann werde ich platziert. Es klingt, als seien viele Menschen im Raum. Mir gegenüber sitzt Edith Schmitt vom Blinden- und Sehbehinderten-Verein und im Nu sind wir in ein Gespräch vertieft.
Dann wird die Suppe serviert und jegliche Aufmerksamkeit ist auf das Essen konzentriert. Der Geschmack ist unerwartet intensiv. Während die Augen noch immer versuchen, irgendwo etwas Restlicht zu finden, arbeiten die Geschmackserven auf Hochtouren. Wie stellt man eigentlich fest, ob man den Löffel richtig herum hält ? Eigentlich nur, indem man ihn in den Mund nimmt.
Edith Schmitt verrät mir, dass sie gern eine größere Serviette hätte. Dann kommt bereits der Hauptgang. Bernd serviert formvollendet: Das Fleisch liegt auf 6, der Kartoffelbrei auf 12, das Gemüse auf 3, sagt er. Oder so ähnlich. So richtig habe ich nicht zugehört, aber ich bin mir eines Vorteils bewusst: Während ein Blinder stets von Sehenden umgeben ist, weiß ich, dass mich die anderen auch nicht sehen können. Hemmungslos grabbele ich auf meinem Teller herum, bis ich ungefähr weiß, was sich wo befindet. Das Kartoffelpüree und das Gemüse bewältige ich problemlos mit Messer und Gabel. Beim Fleisch fällt es schwer, die Größe der Bissen abzuschätzen.

Als ich mit Bernds Hilfe den stockfinsteren Raum wieder verlassen habe, blicke ich als erstes verstohlen an mir herunter. Nein, ich habe nicht gekleckert. Wie der Tisch aussieht, werde ich nie erfahren.
Kneipen-Chefin Yvonne Brunner empfängt mich. Sie wird das „Dinner in the Dark“ künftig alle drei Wochen anbieten. Bernd genießt die Anerkennung, die ihm zuteil wird, Steffen findet es ein bisschen anstrengend, sich so viel merken zu müssen. Aber die Kellner-Crew des Abends freut sich schon auf das nächste „Essen im Dunkeln“.

 

Topfgucker

Rundfunksendung NDR1 Radio MV 28.10.2007

 

Video zu Dinner in the Dark

 

 

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